Den Strand vor der Haustür

Tolo – Gefangen zwischen rivalisierenden Straßenhunden

„Große Spieler haben immer von der Improvisation gelebt.

Bernd Schuster

Sandstrände sind in Griechenland so selten, wie durchweg organisierte Menschen. Deshalb ist der Strand in Tolo auch etwas ganz Besonderes – angeblich. Er liegt nur knapp zwei Kilometer entfernt und wurde laut meinen Vermietern sogar ausgezeichnet. Selbstverständlich muss ich mir das Ganze bei schönem Wetter einmal anschauen. In diesem Fall hat es durchaus Vorteile selbstständig zu sein.

Eines Tages habe ich bereits um zwölf Uhr Mittags keine Lust mehr zu arbeiten und entschließe mich für einen spontanen Besuch am Strand. Wahrscheinlich werde ich deshalb demnächst wieder eine Nachtschicht einlegen müssen, um meine Aufträge fertigzustellen, doch da ich noch nie eine Deadline verpasst habe, mache ich mir wenig Sorgen. Schnell packe ich ein Buch, eine Flache Wasser, ein Handtuch, Sonnencreme und meinen Badeanzug ein.

Aufgrund der Tatsache, dass Tolo wirklich nicht weit weg ist, bleibt mein Auto genau dort stehen, wo ich es nach meinem letzten Einkauf abgestellt habe. Obwohl ich inzwischen schon fast ebenso halsbrecherisch wie die örtlichen Griechen fahre, muss ich es nicht auf einen erneuten Unfall ankommen lassen. Schließlich ist es erst aus der Werkstatt zurück und eine weitere Reparatur wäre gelinde gesagt ziemlich schlecht für meine Reisekasse. Als ich die Tür zu meinem Vorgarten hinter mir schließe, steht ein kleiner Hund vor mir, der abwechselnd neugierig näher kommt und wieder schüchtern zurückweicht.

Aussicht auf die Stadt Tolo im Hintergrund
Aussicht auf die Stadt Tolo im Hintergrund

Ich gehe in die Hocke und strecke langsam meine Hand aus. Normalerweise bin ich bei fremden Hunden inzwischen sehr vorsichtig geworden, weil sie zum Teil extrem schnell ihre Laune ändern können. Bei diesem Exemplar kann ich allerdings nicht anders. Er – es ist ein Rüde – ist einfach zu süß. Am liebsten würde ich ihn direkt hier und jetzt adoptieren.

Schweren Herzens wende ich meinen Blick ab. So gerne ich es auch täte, ich kann nicht der ganzen Welt helfen. Nach einigen Metern bemerke ich, dass ich einen Verfolger habe. Der kleine Hund scheint sich dabei jedoch weder für die Gefahr der herannahenden Autos, noch für meine Kommandos zu interessieren, mit denen ich ihn von der Straße bekommen möchte. Obwohl ich ihn nicht mit nach Hause nehmen kann, muss er noch lange nicht überfahren werden.

Zumindest nicht unter meiner Aufsicht. Da es außerhalb von Asini plötzlich auch keine Bürgersteige mehr gibt, muss ich mir außerdem Mühe geben, nicht selbst unter die Räder zu geraten. Dass der Spaziergang nach Tolo so schnell in Nervenkitzel ausartet, hätte ich nun wirklich nicht erwartet.

Mein unerschrockener Begleiter
Mein unerschrockener Begleiter

Erster Eindruck von Tolo

In der Stadt angekommen, möchte ich kurz in den lokalen Supermarkt, der mir von Google Maps angezeigt wird. Erstens habe ich Lust auf eine Limonade. Zweitens hat sich der kleine Hund, der zwar andere Menschen ebenfalls neugierig beschnüffelt, jedoch zuverlässig bei mir bleibt, meiner Meinung nach ein Leckerli verdient. Hoffentlich haben die dort Hundefutter. Doch wir kommen noch nicht mal bis zur Hälfte der Strecke. Auf einmal taucht vor uns ein weiterer Hund auf, dessen Kopf mir fast bis zur Hüfte reicht. Das Vieh ist riesig.

Ich bleibe mit einem Ruck stehen, mir schwant Böses. Als sich zu dem Wolfshundverschnitt noch zwei weitere Exemplare gesellen, die mich entfernt an einen Labrador erinnern, gehe ich langsam rückwärts, ohne die Hunde aus den Augen zu lassen. Mein kleiner Begleiter scheint unseren Besuch noch nicht bemerkt zu haben und schnüffelt in aller Seelenruhe weiter. Als er die drei Hunde entdeckt, versteckt er sich hinter mir. Na herrlich – vier angespannte Hunde und ich mittendrin. Bestimmt schicke ich den Kleinen mit einer Handbewegung zurück in die Richtung aus der wir gekommen sind. Den anderen gebe ich zu verstehen, dass sie gefälligst in Tolo zu bleiben haben.

Der Weg nach Tolo
Der Weg nach Tolo

Während ich meinen vierbeinigen Begleiter zu Fuß wieder nach Asini zu bringen versuche, stehe ich insgesamt noch dreimal zwischen rivalisierenden Hunden, werde von zahlreichen Autos angehupt, weil sie denken, dass der kleine, der ihnen da vors Fahrzeug läuft, zu mir gehört und bugsiere den Hund aus einem umzäunten Fußballfeld heraus, in das er sich verirrt hat. Als ich schließlich wieder bei meiner Wohnung ankomme, bin ich schweißgebadet. Nehme ich eben doch mein Auto, um nach Tolo zu fahren. Nach einer kurzen Suche im Internet, ob ein Hund auch Katzenfutter verträgt, lege ich ihm ein wenig davon auf den Bordstein.

Tolo: Der zweite Versuch

Auch Wassersport wird in Tolo betrieben
Auch Wassersport wird in Tolo betrieben

Die Sonne scheint. Das Auto habe ich direkt am Strand geparkt. Schnell springe ich in eine der örtlichen Kabinen und ziehe mir meinen Badeanzug an. Bevor ich mich in das blaue Wasser stürze, ist erst einmal sonnen angesagt. Meine Ruhe hält genau eine Minute an und endet abrupt, als mich eine junge Chinesin in gebrochenem Griechisch anspricht. Sie hält mir eine Karte unter die Nase. Ich schüttele nur den Kopf und lege mich demonstrativ mit dem Rücken zu ihr hin. Danach geht mir erst auf, dass Kopfschütteln in Griechenland „Ja“ und nicht „Nein“ heißt. Egal, zumindest scheint sie den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden zu haben.

Ich hole mein Buch heraus und vertiefe mich darin. Schon steht mir wieder jemand in der Sonne. Das darf doch wohl nicht wahr sein. Habe ich ein Schild mit der Aufschrift „Bitte nerven“ auf dem Rücken?! Als ich den Blick hebe, steht ein älterer Herr vor mir, der Oberkörper sonnengebräunt und farbige Strähnen im Haar. Beinahe muss ich laut auflachen. Aus irgendeinem Grund lasse ich mich dann doch auf ein Gespräch ein: Er spricht vergleichsweise gut Englisch und hat zudem einige interessante Dinge über die lokale Olivenernte zu erzählen. Irgendwann wird es mir trotzdem zu viel und ich wimmele ihn ab. Das denke ich zumindest, denn fünf Minuten später steht er wieder vor mir. Nun werde ich etwas unwirsch.

Konsequente Belagerung meines Handtuchs am Strand von Tolo
Konsequente Belagerung meines Handtuchs am Strand von Tolo

Er trollt sich, sodass ich nun endlich Zeit habe ins Wasser zu gehen. Ich tauche unter und fühle mich kurzzeitig wie im siebten Himmel, bis es auf einmal an meinem rechten Fuß höllisch zu brennen beginnt. Zum Glück mache ich schnell, dass ich aus dem Wasser komme, denn mein Kreislauf beginnt nun ebenfalls verrückt zu spielen – was zum Teufel ist denn jetzt los? Während ich versuche ruhig und gleichmäßig weiter zu atmen, begutachte ich meinen rechten Fuß auf dem sich langsam aber sicher rote Striemen bemerkbar machen, die sich anfühlen als hätte ich mein Körperteil ins Feuer gehalten. Sieht so aus, als hätte mich eine Qualle erwischt.

Wenn sich mein Kreislauf nicht demnächst beruhigt, habe ich ein ernstes Problem. Nach einer halben Stunde ist glücklicherweise das Gröbste überstanden. Als hätte er mitbekommen, dass ich ein wenig Aufmunterung vertragen könnte, kommt ein junger Straßenhund auf der Suche nach Futter zu mir und knallt sich demonstrativ auf mein Handtuch. Naja, gut, Hauptsache, er ist freundlich. Trotz allem bin ich heilfroh, als ich wieder bei meiner Wohnung ankomme und mich völlig erschöpft ins Bett fallen lasse.

Weitere Impressionen aus Tolo

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