Die Gruppe vor uns geht als erstes über den Gletscher

Jotunheimen – Wanderung ins Reich der Riesen

Im Jahr 2014 habe ich im Rahmen eines Auslandssemesters an der Høgskolen I Gjøvik (jetzt NTNU Gjøvik) IT-Sicherheit studiert und für ein halbes Jahr in Gjøvik gewohnt. Von dort aus haben wir – ein guter Freund und Studienkollege, mit dem ich das Auslandssemester zusammen gemacht habe, nachfolgend Max genannt, und ich – mehrfach Touren in die beeindruckende Natur Norwegens unternommen. Im Nachfolgenden zieht es uns auf den Galdhøpiggen, den höchsten Berg Skandinaviens.

Warum denn ausgerechnet Norwegen?

Diese Frage habe ich ziemlich häufig gestellt bekommen, nicht nur von Freunden und Familie, sondern auch von den Norwegern selbst. Eine Antwort darauf kann gut und gerne ein abendfüllendes Programm sein, nachfolgend jedoch der Versuch in ein paar wenigen Sätzen.

Norwegen ist ein Land voller Kontraste. Große Distanzen, wilde Stille, Abgeschiedenheit und absolut atemberaubende Landschaften auf der einen, gute Infrastruktur und hochentwickelte Technologie auf der anderen Seite. Lange helle Tage im Sommer und Finsternis im Winter. Vielleicht ein idealer Ort, wenn man etwas abseits der Zivilisation, so wie wir sie in Deutschland kennen, aber eben gleichzeitig doch nicht von dieser abgeschnitten sein möchte. Norwegen ist ein Ort, der einen nicht nur in den langen kalten Winternächten Ehrfurcht vor den Naturgewalten lehrt, sondern auch ein Ort der Inspiration, welcher einlädt zum Nachdenken und dabei den Fokus auf die wesentlichen Dinge im Leben lenkt.

06.09.2014

Es ist früh, sehr früh am Morgen! Wir haben uns für heute in den Kopf gesetzt den Galdhøpiggen zu besteigen. Da dieser von Gjøvik aus „nur“ 250 Kilometer entfernt ist sollte die An- und Abfahrt mit einem längeren Tagesausflug machbar sein. 250 Kilometer bedeutet jedoch auf Norwegens Straßen eine Fahrtzeit von locker vier Stunden.

Am Abend zuvor hatte unsere Motivation noch einen kleinen Dämpfer erhalten. Wir hatten uns mit anderen Studienkollegen über die Route und den Aufstieg ausgetauscht, da diese erst vor einer Woche die gleiche Tour unternommen hatten. Die Bedingungen auf dem Berg waren jedoch so schlecht, dass die Sichtweite nur wenige Meter betrug. Trotzdem wollen wir den Aufstieg wagen und fahren etwas verschlafen, aber auch mit großer Vorfreude, mit einem weiteren Studienkollegen zwischen drei und vier Uhr morgens los.

Zu dritt vorne in einem alten VW-Bus ist immer ein besonderes Feeling. Jedes Mal, wenn ich in den fünften Gang schalte, muss ich das Knie von Max auf die Seite drücken, da alles so eng und ein Hochschalten sonst nicht möglich ist. Weil in Norwegen sowieso fast überall nur 70 oder 80 erlaubt ist, passiert das zum Glück nicht so häufig.

Christian Nesslinger: Fahrt zur Juvasshytta
Christian Neßlinger: Fahrt zur Juvasshytta

Wir wählen den leichteren Aufstieg über die Juvasshytta, diese liegt bereits auf über 1.800 Metern. Von hier dauert der Aufstieg etwa vier Stunden. Außerdem gibt es für umgerechnet etwa zehn Euro die Möglichkeit, eine geführte Tour über den zu querenden Gletscher zu unternehmen. Wie sich später herausstellen wird, war dies eine der besten Entscheidungen des Tages.

Schon die Fahrt hoch zur Hütte ist sehr beeindruckend, denn der Morgen ist leicht bewölkt aber sonnig und dank der guten Sichtbedingungen lässt sich die Schönheit des Jotunheimen Gebirges schon ansatzweise erahnen. Innerlich jubeln wir schon, da wir die Hoffnung haben, dass auch am Gipfel die Sicht so klar wie hier ist.

Die schmale Straße schlängelt sich, farblich fast unauffällig vom Rest der Landschaft den Berg entlang. Max versucht sich schlank zu machen, damit er bei den vielen Schaltvorgängen, die das Gelände fordert, nicht ständig den Schaltknüppel und meine Hand am Bein hat.

Christian Nesslinger: Blick von der Gletscherkante, im Hintergrund die vernebelte Spitze des  Galdhøpiggen.
Christian Neßlinger: Blick von der Gletscherkante, im Hintergrund die vernebelte Spitze des Galdhøpiggen.

Wir kommen kurz nach acht Uhr an der Juvasshytta an und melden uns für die geführte Tour. Jeder von uns bekommt ein Brustgeschirr, in das dann später ein Seil eingehängt werden kann, denn nur die Tour über den Gletscher ist geführt. Der Rest kann im eigenen Tempo erfolgen. Der Weg (sofern man dies als Weg bezeichnen möchte) zur Gletscherkante ist mit weniger als zwei Kilometern nicht besonders weit, aber sehr steinig und gutes stabiles Schuhwerk ist hier auf jeden Fall ein Muss. Von hier aus ist auch die Spitze des Galdhøpiggen zu sehen oder sollte ich besser sagen, wäre diese zu sehen, denn sie liegt heute Morgen in einem dichten Nebelschleier vor unseren Blicken verhüllt. Ein kleiner Tiefschlag für die Motivation, aber wer weiß, vielleicht klart es noch auf.

An der Kante gibt es eine kurze Pause, bis alle da sind. In der Zwischenzeit beginnt die Gruppe vor uns die gemeinschaftliche Wanderung angeseilt über das Eisfeld. Da hier jeder mit jedem verbunden ist und es sonst kein Sicherungsseil gibt, rätseln wir schon, was wohl passiert, wenn jemand einbrechen sollte. Wir schieben die schlechten Gedanken beiseite, denn schließlich sind Kinder und auch mehrere Hunde dabei. Dann kann das Ganze doch schon nicht so schlimm werden.

Während wir über das Eis laufen, wird uns erst richtig bewusst, dass eine ungeführte Tour für Laien wie uns absolut gefährlich und alles andere als ein Spaß wäre. Das Eis ist rutschig, zudem geht es links von uns relativ steil bergab. Kommt man hier einmal ins Rutschen, hat man alleine ohne Hilfsmittel wie Steigeisen oder Eispickel sicher schlechte Chancen.

Christian Nesslinger: Blick vom Eis
Christian Neßlinger: Blick vom Eis

Doch es gibt auch Positives. Der Nebelschleier hat sich zum großen Teil verzogen und wir haben inzwischen einen fast klaren Blick auf den Gipfel. Große Freude macht sich breit und viele holen die Kameras heraus, noch während wir über das Eisfeld laufen.

Auf der anderen Seite angekommen, gehen wir angeseilt noch das erste Stück bergauf. Anschließend gibt es wieder eine kurze Pause in der auch die gemeinschaftliche Zeit für den Abstieg besprochen wird, denn ab jetzt darf jeder im eigenen Tempo die Spitze erklimmen. Es ist bereits elf Uhr fünfzehn und wir haben ausgerechnet, dass, wenn wir nicht so sehr trödeln, wir etwa eine halbe Stunde auf dem Gipfel verbringen können, bis wir wieder absteigen müssen, um uns für das Zurückwandern über den Gletscher zu treffen.

Der Weg ist steil, felsig und deshalb auch hier nicht ganz ungefährlich. Jeder hangelt sich von Stein zu Stein und man ist voll konzentriert darauf, nicht wegzurutschen. Doch nach etwas weniger als einer Stunde haben wir es geschafft. Wir sind tatsächlich auf dem Gipfel und sogar bei klarer Sicht. Begeisterung und Bewunderung über die Schönheit des Jotunheimen-Gebirges machen sich breit. Jeder genießt und feiert diesen Moment auf seine eigene Art und Weise. Während ich den Moment mit Stille und einem schweifenden Blick in die Ferne auskoste, bauen zwei Frauen neben mir einen traditionellen norwegischen Turmkuchen (Kransekage) zusammen und halten diesen jubelnd in die Höhe.

Christian Nesslinger: Fast geschafft - Aufstieg zum Gipfel
Christian Neßlinger: Fast geschafft – Aufstieg zum Gipfel

Die Zeit auf dem Gipfel verstreicht viel zu schnell für diesen tollen Augenblick. Bevor es schon an den Abstieg geht, holen wir uns noch einen Becher Kaffee in der Gipfelhütte und lassen den Blick zusammen über das Gebirge streifen. In der nordischen Mythologie ist Jötunheim die Welt der Riesen. Angelehnt an diesen Namen, hat sich der Name Jotunheimen für das um uns liegende Gebirge ergeben. Beim Anblick der zahlreichen hohen Gipfel hätte es wahrscheinlich keinen besseren Namen für diesen, fast schon magischen, Ort geben können.

Bewegt vom Anblick steigen wir ab und dann beginnt am Fuße des Berges das gleiche Prozedere. Wir sammeln uns in der gleichen Gruppe, in der wir aufgestiegen sind, seilen uns gegenseitig an und laufen vorsichtig über das Eisfeld. Doch dann passiert es, nur circa zehn Meer vor dem Ende des Eisfelds gibt unter mir ohne Vorwarnung die Eisdecke nach. Alles passiert blitzschnell, meine Füße baumeln frei und ich stecke bis zum Bauch in einer Eisspalte. Geistesgegenwärtig fahre ich meine Arme aus und kann mich so noch abstützen sowie selbst aus der Spalte nach oben drücken. Wer hätte gedacht, dass es mal nützlich ist einen kleinen Bauchansatz zu haben, der das tiefere Hinunterrutschen in eine Eisspalte verhindert?! Der Guide kommt angerannt und hilft mir mich aufzurichten. Als er seinen Kopf in die Eisspalte steckt, um genauer zu sehen wie tief ein möglicher Absturz gewesen wäre, sagt er nur die allseits beruhigenden und immer gern gehörten Worte: „Oh fuck“.

Christian Neßlinger: Blick vom Gipfel

Das waren dann wohl die best investierten zehn Euro meines Lebens. Ich möchte gar nicht daran denken, ob das Ganze anders ausgegangen wäre, wären wir nicht gegenseitig angeseilt gewesen.

Mit einem gehörigen Schrecken in den Knochen laufen wir das restliche Stück zurück zur Juvasshytta und begeben uns auf die vierstündige Rückfahrt nach Gjøvik. Auf dem Weg halten wir am nächsten Supermarkt in Lom an, um uns eine Tafel Schokolade zu kaufen. Einen Luxus, den wir uns bisher in Anbetracht des Preises von circa fünf Euro für eine Tafel verkniffen hatten, doch nach diesem Erlebnis war es das allemal Wert! Noch nie hat ein Stück Schokolade für mich so gut geschmeckt wie an diesem Abend.

Nichtsdestotrotz oder vielleicht gerade auch wegen dieses prägenden Erlebnisses, war die Tour auf den Galdhøpiggen eines meiner schönsten Reiseerlebnisse. Kleinere Probleme treten in den Hintergrund und ganz andere Dinge bekommen mehr Bedeutung, wenn man auf so intensive Art und Weise mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert wird.

Christian Neßlinger: Kransekage auf dem Gipfel

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