Schlossgarten vom Schloss Belvedere in Wien

Wien – Ohne Sissi und Sachertorte

„Man kann ruhig ein bisschen verrückt sein. Es muss aber Stil haben!“

Mr. & Ms. Panda

Im Herbst 2021 breche ich relativ früh am Morgen nach Wien auf. Da mein kleines Auto vergleichsweise schwer beladen ist – mit zahlreichen Koffern und Rucksäcken, die zu einem Großteil von Schuhen für jede Wetterlage beansprucht werden – stelle ich noch schnell den Reifendruck neu ein. Mein Navi darf bei der ganzen Unternehmung natürlich auf gar keinen Fall fehlen, leider hapert es noch ein wenig mit der Kooperation von uns beiden. Es fällt mehrmals von der Scheibe. Ist das jetzt etwa ein schlechtes Omen?

Kaum bin ich auf der Autobahn, gerate ich in den ersten kleineren Stau. Neugierig beobachte ich eine Spinne, die sich meinen linken Außenspiegel als neues Zuhause ausgesucht hat. Dort spinnt sie, unbeeindruckt von dem Chaos um sie herum, seelenruhig ihr Netz zwischen dem Spiegel und der Autotür. Ob das wohl bis Wien hält? Als hätte sie meine Gedanken gelesen, verschwindet sie in einem Spalt meines Außenspiegels. Ich scheine einen blinden Passagier zu haben. Nun gut, dann zeige ich der kleinen Spinne mal Europa.

Stau bei Regensburg
Stau bei Regensburg

Bei meinem Halt auf einem Rastplatz, mache ich einige Übungen, um meine verspannten Muskeln zu lockern. Dabei werde ich von den anderen Menschen dort überaus kritisch beäugt. Setzt denen das lange Autofahren etwa nicht zu? Während ich meine Muskulatur und meinen Kreislauf wieder in Schwung bringe, lüfte ich gleich auch noch mein Auto durch. Prompt verstehen zwei Wespen die offenen Autotüren als Einladung, sich im Inneren des Wagens doch mal genauer umzusehen. Bei mir bricht der kalte Schweiß aus, denn ich habe zwar keine direkte Allergie gegen die Insektenstiche, trotzdem empfinde ich sie immer als äußerst schmerzhaft. Dankenswerterweise scheinen meine Koffer dann doch nicht so interessant zu sein und die beiden Tierchen machen im wahrsten Sinne des Wortes die Fliege.

Die Fahrt verläuft ruhig. Ich bin guter Dinge, nicht allzu spät in Wien anzukommen. Bei Regensburg tritt mein Vordermann hart auf die Bremse. Alles steht. Nichts geht mehr für mehrere Kilometer. Der Stau dauert insgesamt zwei bis drei Stunden. Und ich habe Hunger. Jedes Mal, wenn ich mein Essen auspacke, bewegt sich die Kolonne allerdings wieder. Hätte ich mir ja denken können. Irgendwann gebe ich die Sache mit der Nahrungsaufnahme vorerst auf.

Die Straßen der Wiener Innenstadt
Die Straßen der Wiener Innenstadt

Ankunft in Wien

Als ich den ersten bayerischen Radiosender empfange, bin ich schon fast euphorisch. Wien ist zum Greifen nah. Doch warum kommt da nur klassische Musik aus meinen Lautsprechern? Egal. Ich bin fasziniert von der Art und Weise, wie schnell sich doch die Tonalität einer Sprache innerhalb einiger Kilometer ändern kann. Das Deutsch, das ich höre, klingt seltsam und vertraut zugleich. Bei den Radiosendern in Österreich geht es mir ähnlich. Allerdings treffe ich nun zielsicher die Sender mit irischer Folklore-Musik. Irgendwann schalte ich meine Disney-CD an, die mir nach einiger Zeit jedoch gehörig auf den Wecker geht. Weshalb habe ich nicht daran gedacht, ein paar Alternativen einzupacken? Gedankenverloren lasse ich die Fahrt bis jetzt kurz Revue passieren: Ich bin erstaunt, was es in Deutschland alles gibt. Nicht nur einen Playmobil-Park, sondern auch ein amerikanischer Themenpark namens Pullman City. Von der regionalen Spezialität „Baierwein“ habe ich ebenfalls noch nie gehört.

Nach zwölf Stunden bin ich fast am Ziel meiner Träume: Der österreichischen Hauptstadt Wien. Doch vorher habe ich erst einmal einen Teil meines Autos in der Hand. Zum Glück war das nicht wichtig. Im nächtlichen Wien herrscht bei mir dann maximale Verwirrung wegen der Ampeln, die auf einmal beginnen, grün zu blinken. Nach einigen Durchgängen verstehe ich, dass es sich um eine Zwischenstufe handelt, bevor gelb kommt. Zum Glück ist verkehrsmäßig momentan wenig los. Dem ersten Wiener reißt dann doch der Geduldsfaden an einer Ampel, denn er gibt mir via Lichthupe zu verstehen, dass ich fahren kann. Zumindest interpretiere ich das so. Die große Ampel oben ist rot, während eine kleinere direkt darunter grün anzeigt. Als ich bei meiner Unterkunft ankomme, bin ich heilfroh, keinen Unfall verursacht zu haben.

Imposante Gebäude im klassischen Stil
Imposante Gebäude im klassischen Stil

Die Hauptstadt Österreichs erleben

Für jemanden, der in Europa aufgewachsen ist, gehört es fast zur Allgemeinbildung schon einmal von der österreichischen Kaiserin Sissi und dem österreichischen Kaiser Franz gehört zu haben. Deshalb beschließe ich, mir Schloss Schönbrunn anzusehen und danach ins Foltermuseum oder auf einen Friedhof zu gehen, quasi als Kontrastprogramm. Soweit der Plan. Es kommt dann allerdings anders. Nachdem ich mir einen Stadtplan besorgt habe und zu meiner Touristentour durch Wien aufbrechen möchte, folge ich einer spontanen Eingebung, mich bewusst in der Stadt zu verlaufen.

Zuallererst fällt mir auf, dass es in Wien noch Platz gibt. Die Stadt ist richtig schön und wirkt auf mich – obwohl sie eine Großstadt ist – beruhigend, keineswegs beklemmend. Anscheinend strahle ich das auch aus, denn ich werde ziemlich oft nach dem Weg gefragt. Dabei passe ich sowohl äußerlich als auch von der Sprache her meinem Empfinden nach gar nicht zu dem Ort. Die Wiener kommen mir alle so chic gekleidet vor. Die österreichische beziehungsweise wienerische Aussprache klingt in meinen Ohren wesentlich weicher und wärmer als die, die ich gewohnt bin. Kurz gesagt: Ich fühle mich wohl. Während ich mich in den Seitengassen verlaufe, entdecke ich allerhand Straßenkunst.

Nach einiger Zeit komme ich am Getreide- oder Naschmarkt in Wien wieder aus den Gassen heraus. Dort findet gerade in diesem Augenblick ein Flohmarkt statt mit Händlern aus Österreich, aber auch Rumänen und Tschechen sind vertreten. Generell wirkt Wien mit seinem Sprachenmix auf mich sehr international. Aus einem Bauchgefühl heraus kaufe ich eine angeblich einhundert Jahre alte, tibetische Tasche aus Elefantenleder mit Feuersteinen darin. Im Nachhinein bin ich mir nicht sicher, ob ich da ein Schnäppchen gemacht habe oder gehörig abgezockt wurde. Außerdem geht mir im Nachhinein auf, dass mich das Teil bei einer Grenzkontrolle möglicherweise ganz schön in Schwierigkeiten bringen könnte. Sobald ich von dem bunten Treiben auf dem Flohmarkt genug habe, halte ich nach etwas zu essen Ausschau. Dabei entdecke ich einen nicht mehr ansprechbaren, halbnackten Mann, auf den ich die Sicherheitskräfte aufmerksam mache. Genau in dem Moment kippt der arme Kerl um.

Lea Hennrich: Tasche
Schatz oder Schund?

Auf meinem Weg durch die Stadt, komme ich an der Karlskirche vorbei, wo mich das Polizeiaufgebot soweit abschreckt, dass ich von einem Besuch absehe. Habe ich irgendwas nicht mitgekriegt? Die Kirche scheint wichtig zu sein. Ich mache mir eine mentale Notiz, das später zu recherchieren. Auf der Suche nach einem Mittagessen, finde ich weit und breit kein Original wienerisches Restaurant. Schließlich lande ich bei einem erstklassigen Italiener. Mit vollem Magen geht es in ruhigen Seitenstraßen für mich vorbei an der kleinen Kirche Sankt Elisabeth zum Schlossgarten von Schloss Belvedere (Siehe Titelbild), in dem sich die Touristen nur so tummeln. Das hält mich natürlich nicht davon ab, die strahlende Sonne zu genießen.

Zurück in der Innenstadt kaufe ich mir aus lauter Frust eine sogenannte „Schaumtüte“, denn es ist nirgendwo eine Sachertorte in Sicht. Dass Sissi nicht hinter einer Mauer hervorspringt, nehme ich noch hin, aber Wien ohne Sachertorte wirkt sich auf meine gute Laune aus. An dem Stand mit der Schaumtüte steht neben mir ein französischer Vater mit seinen zwei Kindern. Er versucht gerade von der tschechischen Verkäuferin zu erfahren, was ich soeben erworben habe. Trotz seiner guten Deutschkenntnisse, funktioniert die Verständigung nicht reibungslos. Kurzerhand beiße ich ein Stück von meiner Schaumtüte ab und zeige ihm den Inhalt. Ging einfacher, als mir darüber Gedanken zu machen, was „Schaum“ auf Französisch heißt.

Lea Hennrich: Abends an der Donau
Abends an der Donau

Anschließend laufe ich zurück zu meiner Unterkunft. Mir tun die Beine weh und außerdem habe ich einen leichten Sonnenbrand. Vor lauter Optimismus, habe ich die Sonnencreme morgens nämlich komplett weggelassen. Nach einem kurzen Umweg – spätestens, wenn man sich fragt, warum einem die Gegend so bekannt vorkommt, sollte man überprüfen, ob man im Kreis läuft – finde ich mich in der inzwischen vollen Innenstadt wieder. Die Wiener haben Feierabend. Muss auch mal sein. Manche nutzen diesen anscheinend, um zu demonstrieren. Die Luft riecht nach Rauch, die Atmosphäre ist seltsam geladen. Ich beeile mich, aus diesem Trubel wieder herauszukommen. Am Abend lasse ich den Tag gemütlich an der Donau ausklingen.

Weitere Impressionen aus Wien

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